"Wenn die Plastik im Kopf entstanden ist
Und die Hände das machen was im Kopf entstanden ist
Dann ist die Plastik entstanden"

"Wenn die Plastik im Kopf entstanden ist
Und die Hände das machen was im Kopf entstanden ist
Dann ist die Plastik entstanden"

Wie entsteht eine Plastik?

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Erich Sauer am Design

Wenn Karl Valentin einmal gesagt hat: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, So hatte er recht - trotz gegenläufiger Strömungen und Meinungen, Dass Kunst viel Arbeit macht, wer weiß das besser als ich? Meine Plastiken sind schön, wenn auch manche von ihnen durch ihren Titel zunächst vermuten lassen, dass es sich um etwas Hässliches handelt. In meinen Arbeiten spiegelt sich der Zustand der Welt.

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Erich Sauer am Design

Sie stellen Fragen, die für mich von zentraler Bedeutung sind: Was haben Menschen aus dieser Welt gemacht? Was haben sie durch Egoismus und Habgier, durch vielfältige Eingriffe in den Kreislauf der Natur, aber auch durch unkontrolliertes Zulassen von inhumanen Entwicklungen an Zerstörungen und an Gefährdungen heraufbeschworen?

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Erich Sauer am Design
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Erich Sauer am Design
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Erich Sauer am Design

»Unkontrolliertes Wachstum« 1982. Warum ist es den Menschen anscheinend nicht möglich, auf unserer Erde friedlich zusammenzuleben? Und warum handeln Politiker häufig nicht so, wie sie es bei der Übernahme ihres Amtes geschworen haben: korrekt und zum Wohle des Volkes? »Der Politiker und sein Gewissen« 1991.

Betroffenheit zwingt mich dazu, auf Missstände hinzuweisen und, wenn notwendig, auch anzuklagen. So ist eine meiner wichtigsten Arbeiten entstanden: 1970 »Der befriedete Vietnamese«. Ein provozierender Titel, den ich ganz bewusst gewählt habe, denn das Resultat der Befriedung ist immer das gleiche. Da können Militär und Politiker gut sagen: „Wir
haben ihnen den Frieden gebracht“. Sie haben ihnen den Frieden gebracht, nur über das Resultat der Befriedung wird tunlichst geschwiegen. Nicht darüber, wie hoch der Preis war, der dafür zu zahlen war, mit je vielen Toten, mit wie vielen Verletzten und mit wieviel Elend er erkauft werden musste.

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Erich Sauer am Design

Ich bin darauf bedacht, dass meine Arbeiten eine gewisse Harmonie ausstrahlen und dass sie eine über unsere Zeit gültige Aussage beinhalten Das Eine ist für mich so wichtig wie das Andere Sicher ist, dass ich nicht zu denen gehören möchte, die dekorative Kunst machen. Mich fasziniert die Machbarkeit, die Umsetzbarkeit der Ängste, der Hoffnungen, der Einsamkeit, der Liebe und kreatürlicher Unzulänglichkeiten. Es ist eine Frage des Könnens, Wollens, neu Schaffens, der Kreativität und auch des Handwerks, die Idee, die Verwirk-
lichung von Sehnsüchten und Wünschen, der eigenen und derer, die die Welt verändern im positiven wie im negativen Sinne, zu gestalten.

Zuerst ist immer das Thema da, über das ich reflektiere, dann beginnt die Suche, die Gedanken in eine Form umzusetzen, die über die Gegenwart hinaus noch Gültigkeit behält. Ich stelle dann eine Maquelte her. Sehr oft arbeite ich aber auch direkt in Wachs, d.h. die Plastik ist in Gedanken schon fertig, So dass das Anfertigen einer Maquette entfällt

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Erich Sauer am Design
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Erich Sauer am Design

Nachdem ich die Größe der zu entstehenden Plastik habe, fertige ich Wachsplatten an, die aus einer Mischung von Bienenwachs, Paraffin und Collophonium besteht. In heißen Sommermonaten setze ich etwas Canauber, ein sehr hartes Palmwachs, zu, um eine bestimmte Stabilität zu bekommen. Der Kienruß, den ich der Wachsmischung zusetze, hat einzig und allein den Zweck, eine metallähnliche Farbe zu erhalten, damit die Konturen besser zu sehen sind.

Die vier Millimeter starken Wachsplatten werden mit einer Gasflamme erwärmt, Zzugeschnitten, geformt und mit einem heißen Messer zusammengefügt.

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Erich Sauer am Design

Es kann, wenn notwendig, in geringer Menge Wachs aufgetragen werden, aber nichts kann abgetragen werden. Die Stärke des Wachses wird die spätere Stärke der Bronze sein. Bei größeren Arbeiten arbeite ich Bambusstäbe ein, um der Wachsplastik eine gewisse Stabilität zu geben. Bambus ist ein Material, das rückstandslos verbrennt. Nachdem die Plastik fertig modelliert ist, so wie sie später in Bronze dastehen wird, werden die Angusskanäle und der Trichter, sie sind ebenfalls aus Wachs, angebracht. Die müssen so gesetzt werden, dass ein gleichmäßiges Einfließen der flüssigen Bronze gewähr- X leistet wird. Um die Ss Luft und die Gase aus der Form abzuführen, wergen Luftkanäle angebracht. Der Kern wird mit Metallstiften, die durch das Wachs getrieben werden, fixiert. Nun könnte man mit dem Einformen beginnen, wenn nicht noch ein Kasten, eine Verschalung,  angebracht werden müsste. Dieser Kasten muss mindestens sieben Zentimeter größer sein als die breiteste Stelle der Plastik. Die Formmasse, eine Mischung aus Gips, Schamotte, etwas Ton und Wasser, wird angerührt und ein Teil in den Kasten eingefüllt. Danach wird die Wachsplastik eingesetzt und mit Formmasse aufgefüllt. Nach dem Erhärten, der Prozess erfolgt sehr schnell, wird der Kasten entfernt, und der Block kommt in den Brennofen, der dann langsam bis auf 560 Grad hochgefahren wird. Dabei verdampft das in der Form vorhandene Wasser, und das Wachs schmilzt aus, verbrennt. Dieser Vorgang dauert, je nach Größe des Blockes, zwischen 9 und 12 Tagen. Nach dem Abkühlen wird der Formkasten wieder angebracht und mit Schraubzwingen befestigt. Die Bronze, mit der Bezeichnung BZ 10, besteht aus 90% Kupfer und 10% Zinn. Zum Schmelzen wird sie in einem Graphittiegel in den Schmelzofen gesetzt und auf über 1200 Grad erhitzt. Das Schmelzen dauert etwa anderthalb Stunden. Der 120 Kilogramm schwere Tiegel wird mit der Tiegelzange herausgehoben, in die Gießgabel umgesetzt und die Schmelze abgeschöpft. Dann beginnt das Eingießen der flüssigen Bronze in den durch das Ausschmelzen des Wachses entstandenen Hohlraum in der Form. In diesem Augenblick entscheidet sich das Gelingen oder Nichtgelingen der Plastik.

Nach dem Abkühlen wird die Gussform abgeschlagen, die so lange verborgene Plastik wird wieder sichtbar. Die Kanäle werden abgesägt. Kernstiftlöcher geschweißt, die Oberfläche wird gebürstet und vorsichtig angeschlieffen, damit die Gusshaut nicht beschädigt wird. Die Gusshaut ist das Edelste überhaupt. Sie gibt dem Metall eine Lebendigkeit, die nur im Wachausschmelzverfahren erreicht wird. Besteht die Platik aus mehreren Teilen, wird sie nun zusammengeschweißt. Dazu wird ein Schutzgasschweißgerät benötigt, dass eine unsichtbare Schweißung möglich macht. 

Die bearbeiteten Stellen werden patiniert. Eine neue Platik ist enstanden. Ich gestehe, dass ich der Faszination des Bronzegusses erlegen bin. Vielleicht ist es ein Gefühl der Macht über die spröde Bronze, dass ich die Bronze zwingen kann, dahin zu fließen, wohin ich es will. Vielleicht ist es aber nur das Staunen über die Materie. Es ist bekannt, dass es noch andere Verfahren gibt, um an das Wachsmodell zu kommen. Ich fertige das Modell in Gips, davon nehme ich einen Silikonform ab, die mit einer Gipsschale ummantelt wird. Diese Silikonform wird mit Wachs ausgepinselt. Trotz dieser Möglichkeit, die sehr aufwendig ist, aber auch eine gewisse Sicherheit bietet, überwältigen mich immer wieder die gleichen Gefühle. Monate arbeite ich an einer Plastik, sie steht im Atelier, und ich sehe sie täglich, es enstht ein vertrautes Miteinander. Nun wird die Platik eingeformt, sie ist weg, sie ist mit keinem Mittel mehr aus dem Block zurückzuholen. Nun kommt sie in den Brennofen, nach dem Brennvorgang weiß ich, die Wachsplatik ist entgültig verschwunden. Dann wird gegossen, und nach dem Vorgang ist die Plastik wieder da. Es ist ein befreiendes Gefühl, sie jetzt wieder zu sehen. Das sind die Nöte, Änsgte und Freuden,  die ich immer durchlebe.

Dieses Gefühl begleitet mich jetzt schon seit über vierzig Jahren. Begonne habe ich mit dem Guss meiner ersten Bronzeplatik 1964. Es war eine Zeit die voller Hoffnung war, und die Zeit war voller Themen. Unter einfachsten Bedingungen habe ich mit einem Freund in Sand geformt und gegossen. Bald erkannte ich, dass dem Abformen in Sand Grenzen gesetzt sind. Ich habe mich dann bei Heinrich Kirchner eingeschrieben und dort das Wachsausschmelzverfahren erlernt. Zu Hause konnte ich mir im eiterlichen Anwesen eine Anlage errichtet, die der in der Akademie ähnlich war. Einfach, um nicht zu sagen: primitiv. Die Formen, bis 200 kg schwer, mussten in den Ofen gehoben werden. Zum Ausbrennen wurde Bochenholz verwendet, das ich beim Förster im Wald geholt habe. Alle zwei Stunden musste nachgelegt werden und das, man bedenke, mindestens acht Tage lang. Nach dem dritten Tag wusste ich wegen Schlafmangels nicht mehr, ob ich nun schon nachgelegt hatte oder nicht. Geschmolzen haben wir mit Schmelzkoks, den ich bei einem Werk hier in Frankenthal kaufen konnte. Nach der dritten Schmelze war es so heiß, etwa 1350 Grad, dass sich niemand mehr traute, mit der Gießzange den Tiegel aus dem Ofen zu holen. Nach zwanzig Jahren dieser Schinderei habe ich mir dann eine neue Anlage angeschafft, mit der die Arbeit leichter geworden ist. Wenn ich sage: "Das, was ich hier mache, kann man nur machen, wenn man nicht normal ist", so hat das heute immer noch seine Gültigkeit.

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Erich Sauer am Design

Gültigkeit hat aber auch das Geständnis, dass ich dem Bronzeguss erlegen bin. Die Bronze ist das Material, mit dem ich meine Vorstellungen auf idealer Weise verwirklichen kann. Nur sie ist in der Lage, meinen Arbeiten ihnen besonderen Ausdruck zu Verleihen!  

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Erich Sauer am Design